Ein Fahrzeuginnenraum aus recycelten Getränkekartons?
PolyAl: wertvoller Rohstoff für zahlreiche Anwendungen
Kaum zu glauben, aber wahr: Im Innenraum des Fiat Grande Panda kommt ein Werkstoff aus den recycelten Kunststoff- und Aluminiumkomponenten von Getränkekartons zum Einsatz. Verbaut ist er in der Mittelkonsole, im Armaturenbrett sowie in den Türverkleidungen. Bei genauerem Hinsehen wird die Herkunft des Materials deutlich: Der Aluminiumanteil macht sich durch ein leichtes Glitzern bemerkbar. Das macht diesen besonderen Werkstoff zum echten Hingucker. Doch wie wird aus einem Getränkekarton ein Bauteil im Innenraum eines Autos?

Vom Getränkekarton zum Werkstoff
Alles beginnt mit der Sammlung der leeren Getränkekartons über den gelben Sack oder die entsprechende Wertstofftonne. Wichtig: Je besser wir als Verbraucherinnen und Verbraucher unseren Müll trennen, desto mehr Rohstoffe können aus unserem Verpackungsabfall zurückgewonnen werden. Landen Getränkekartons beispielsweise im Restmüll, verlieren wir wertvolle Rohstoffe für eine Vielzahl weiterer Anwendungen. Allein die hochwertigen Fasern, die rund 75% eines Getränkekartons ausmachen, können bis zu sieben Mal recycelt werden.
Im nächsten Schritt werden die Getränkekartons in den Sortieranlagen vom restlichen Verpackungsabfall getrennt. Dann startet das eigentliche Recycling, bei dem der Karton in seine stofflichen Bestandteile zerlegt wird.

Beim Recycling von Getränkekartons kommt bewährte Technik zum Einsatz: Im ersten Schritt geht es darum, die Papierfasern mechanisch von den Kunststoff- und Aluminiumschichten zu lösen. In auf Recycling spezialisierten Papiermühlen übernimmt das eine Auflösetrommel, die über 200 Tonnen Material pro Tag verarbeiten kann. Anschließend passieren die in Wasser gelösten Papierfasern die Löcher in der Trommelwand und werden dann zu Papierprodukten wie zum Beispiel Wellpappe, Pizzakartons oder Faltschachteln weiterverarbeitet.
Nach der Fasergewinnung bleibt in der Papierfabrik ein Gemisch aus Kunststoffen (Polyethylenen) und Aluminium zurück, das PolyAl genannt wird. Es setzt sich zusammen aus den dünnen Polyethylenfolien (LDPE) und Aluminium in der Kartonbarriere sowie Hart-Polyethylen (HDPE) aus den Verschlüssen. Dieses Material wurde bislang überwiegend in Zementwerken energetisch genutzt und ersetzte dort Primärenergie aus Kohle und anderen fossilen Brennstoffen. Der Aluminiumanteil ersetzte außerdem mineralische Zuschlagstoffe.
PolyAl wird zum Werkstoff für die Automobilindustrie
Das in Italien ansässige Unternehmen Lapo Compound hat einen wirtschaftlichen Weg gefunden, die verbleibenden Polymer- und Aluminiumanteile mit Neu-Polypropylen, Kautschuk und Additiven zu mischen. Das Ergebnis heißt Lapolen Ecotek, ein vielseitiges Compound für unterschiedlichste Anwendungen. Es erfüllt die strengen Prüfanforderungen der Automobilindustrie, etwa zu Maßhaltigkeit, Wärme-, Kratz- und Witterungsbeständigkeit und hat so seinen Weg in den Innenraum des Fiat Grande Panda gefunden. Doch PolyAl kann auch auf anderem Weg weiterverarbeitet werden.
Aus PolyAl werden wieder Rohstoffe
Die führenden Hersteller von Getränkekartons (Elopak, TetraPak, SIG Combibloc) unterstützen gemeinsam mit Partnern den Aufbau von Recyclingstrukturen und die Weiterentwicklung entsprechender Technologien. Heute ist es daher möglich, das PolyAl-Gemisch wieder in seine Bestandteile Aluminium und Kunststoff zu zerlegen, es also stofflich zu verwerten. Bei der Palurec GmbH in Hürth bei Köln wird das Materialgemisch mechanisch getrennt und in neue Sekundärrohstoffe verwandelt, die sich in vielen Produkten einsetzen lassen. Das Ergebnis sind drei marktfähige Rezyklate: Aluminium, HDPE (beispielsweise für Kanister, Rohre und Kisten) und LDPE (unter anderem für Spritzgießanwendungen).

Neben der Palurec GmbH gibt es aktuell rund zehn weitere europäische Unternehmen, die sich auf das PolyAl-Recycling spezialisiert haben. Beispielsweise verarbeitet das spanische Unternehmen Alier PolyAl weiter zu Pellets, die als Grundlage für eine Vielzahl von Anwendungen dienen. Dazu gehören etwa Baustoffe und Möbel. Auch Recon Polymers aus den Niederlanden ist in der Lage, PolyAl effizient in Kunststoffe umzuwandeln, aus denen unter anderem Kunststoff-Paletten gefertigt werden.
Fazit
Die Kapazitäten für eine stoffliche Verwertung gebrauchter Getränkekartons sind seit vielen Jahren vorhanden und werden kontinuierlich ausgebaut. So entstehen Sekundärrohstoffe, die in neuen Produkten Anwendung finden. Doch auch das nicht getrennte PolyAl-Gemisch kann als Material verwendet werden.
Voraussetzung für beide Wege ist immer eine sachgerechte Entsorgung von Getränkekartons über den gelben Sack oder die entsprechende Wertstofftonne, sodass die enthaltenen Materialien gesammelt, sortiert und in verschiedenen Recyclingprozessen weiterverwendet werden können.

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